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Meine Eindrücke beim Hören von Gottfried Benn
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Einsamer nie, 2 Cassetten (Hörkassette) Wie bei allen Gedichten erschließen sich die Verse erst beim lauten Lesen oder beim Hören und lassen erst hierdurch Rhythmik und Wortfluss zur Geltung kommen. Es ist anzunehmen, dass der Dichter die Zusammenstellung der gelesen Texte und deren Reihenfolge auf dem Tondokument maßgeblich bestimmte, hatte er doch die Auswahl seiner Gedichte Zeit seines Lebens mit größter Pedanterie getroffen (Paul Raabe in „Statische Gedichte" - 1983 Arche Verlag AG, Raabe + Vitali, Zürich).
Seine Art, seine Gedichte und seine Prosa zu lesen, habe ich beim Hören so empfunden, wie es Thilo Koch Thilo Koch als Herausgeber von 2 Schallplatten „Gottfried Benn liest" beschreibt, nämlich als leise in mittlerer Tonlage, manchmal sentimental summend, manchmal mit Anklängen des Casino-Tons seiner jüngeren Jahre, teils melancholisch und distanziert - unverkennbar dabei das Berlinische, das Märkische im Tonfall. Wenn man glaubt, an einer Stelle eine kleine Unsicherheit zu bemerken (in Urgesicht :....in „antevertebraler" statt „anteverbaler" Triebdrohung prähistorischer Neurone;...), gilt wie Thilo Koch den Autor zitiert, wenn Dritte ihm Empfehlungen geben wollten „Nehmen sie es wie es ist oder nehmen Sie es nicht".
Bei den Gedichten im Vortragstil ganz anders als Will Quadflieg, letzterer mit sehr gelungenen stimmlichen Interpretationen und Nuancierungen auf der CD „Trunkene Flut - Will Quadflieg spricht Gedichte von Gottfried Benn" wobei ich beim Vergleich die Unterschiede sehr reizvoll empfinde, vor allem bei „Astern" und „Sieh die Sterne". Für mich bleibt die Frage, warum der Autor die rhythmische Kraft, für die seine Verse bekannt sind, beim eigenen Vortrag nie stärker zur Geltung gebracht und damit ihre Aussage noch deutlicher unterstrichen hat.
Über sein Werk sagt Gottfried Benn selbst: „Die erste Hälfte des Jahrhunderts ist zu Ende, die vier Jahrzehnte, in denen ich geistig tätig sein konnte, sind dahin. Und wenn man das Ganze überdenkt, überblickt, kommen Stunden, wo man müde wird, stumpf, von Apathie bedrängt. Man war im günstigsten Fall ein Chargenspieler, ein Sonderfall, ein Spezialist - große Rollen, abendfüllende Figuren fielen Einem nicht zu. Sechzig Jahre - und des Lebens Verfall und Verwahrlosung in einige Prosasätze bündeln oder in ein paar Verse balancieren- wenn das alles ist, gibt es offenbar nur eins: Nicht alt werden, nicht so alt, dass man noch seine eigene Leiche liegen sieht und über sie lacht." (aus „Doppelleben - Teil II IX. Schlussworte) - aber wie hätte sich in Deutschland die Lyrik ohne Gottfried Benn entwickelt?
Als vom Autor gelesenes Dokument über den damals revolutionären Aufbruch in der Literatur und Geisteswelt, die sich einen neuen Ausdruck suchte und geistige Fakten schaffte, ist es zeitlos. Daneben ist es als Zeugnis, wie ein Intellektueller das Nachkriegsberlin erlebt Zeitgeschichte und in beiden Fällen unbedingt empfehlens- das heißt hörenswert - vielleicht gerade wegen des auf Effekte verzichtenden Vortragsstils des Dichters.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 10. Mai 2003 |