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...das ist ein zu weites Feld.
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) (VINE®-PRODUKTTESTER) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Effi Briest (Gebundene Ausgabe) "Die holden Wünsche blühen, Und welken wieder ab, Und blühen und welken wieder - So geht es bis ans Grab.
Das weiß ich, und das vertrübet Mir alle Lieb' und Lust; Mein Herz ist so klug und witzig, Und verblutet in meiner Brust".
Ob Theodor Fontane manchmal an die oben zitierten Worte des Dichters Heinrich Heine gedacht hat, als er Effi Briest den letzten Schliff verpasste? Der Schurke des Dramas, Major Crampas, jedenfalls ist ein großer Verehrer des deutschen Dichters, dessen Ansichten über das Leben und vor allem die Liebe er gerne auch vor der Heldin zum Besten gibt. Der Roman selbst ist voller Poesie, auch wenn die realistischen Elemente vorzuherrschen scheinen. Der tragisch gezeichnete Weg der blutjungen Effi Briest, die im zarten Alter von 17 Jahren ihre Hand dem doppelt so alten Adligen, Baron von Innstetten, zur Ehe reicht, weil sie von glanzvollen, gesellschaftlichen Zukunftsaussichten geblendet wird, aber viel zu schnell von der Realität eines unbefriedigenden Ehelebens eingeholt wird, was zu weitreichenden Folgen für alle Beteiligten führt, ist auf eine ganz besondere Art, manchmal sogar bewusst nur sehr wage in seinen Einzelheiten geschildert und lässt dem Leser sehr viel Raum für eigene Interpretationen.
Mit Wonne unterhält die 17jährige Effi ihre Freundinnen mit der Erzählung einer alten Lie-besgeschichte ihrer Mutter. Und eben dieser Verehrer aus längst vergangnen Tagen hält sich nun bei den Briests auf, die sich durch den Besuch des edlen Herrn, der mittlerweile zu Ansehen und Titel kam, sehr geehrt fühlen. Doch sehr groß ist die Überraschung für Effi, als sie erfährt, dass nun eben dieser Baron von Innstetten um ihre Hand angehalten hat. Was der Mutter einst verwehrt blieb, scheint sich jetzt so glänzend bei der Tochter zu erfüllen. Und Effi, von gesellschaftlichem Ehrgeiz gepackt, nutzt ihre Chance. Der große Altersunterschied der Verlobten bereitet den Brauteltern etwas Sorge, doch auch sie se-hen die großen Möglichkeiten ihrer Tochter, die von der behüteten Kinderstube eines bür-gerlichen Hauses direkt einen Platz in Adelskreisen und als Ehefrau eines angesehenen Landrats mit vielversprechenden Karriereaussichten eine gesicherte Existenz geboten be-kommt. Etwas bange ist Effi schon, wenn sie daran denkt, so weit von der Heimat im rau-en Hinterpommern einen neuen Anfang zu machen, doch die vielen Einkäufe zur Ausstat-tung ihres Ehestandes sorgen für Ablenkung. Nach einer ausgedehnten und ziemlich er-müdenden Hochzeitsreise bezieht das Paar ein düsteres Haus in Kessin. Effi ist bald überzeugt, dass es im Haus spukt und die Geschichte des Vorbesitzers in der ein Kapitäns, dessen Tochter und Chinese vorkommt, wobei letzterer eine ungeklärte und unheimliche Rolle spielt, beschäftigt die Phantasie der jungen Ehefrau, die aus beruflichen Gründen sehr oft von ihrem Ehemann allein gelassen wird und ungesunden Gedanken nachhängt. Innstetten zeigt sehr wenig Verständnis für die Ängste seiner Frau und auch dem Gebiet der Zärtlichkeiten vernachlässigt er ein sehnsüchtiges Herz. Auch die feine Gesellschaft erfüllt die Erwartungen Effis nicht. Nur der alte Gieshübler, erweist der jungen Dame Freundschaftsdienste, die sehr geschätzt werden. Etwas Abwechslung erfährt das ver-nachlässigte Naturkind, als ein alter Bekannter ihres Mannes, Major Crampas, in Kessin auftaucht. Crampas nährt den phantasievollen, hungrigen Geist Effis mit spannenden, oder sogar leicht frivolen Geschichten. Natürlich muss die Landrätin den charmanten Frauenheld in Gedanken mit ihrem Ehemann vergleichen, der das genaue Gegenteil von ihm ist. Crampas nennt Innstetten spöttisch einen Erzieher, der Effis Ängste in seinem Sin-ne gebrauche. Fast zu spät bemerkt Frau von Innstetten, wie nahe sie den neuen Freund bereits in ihre Intimsphäre hat eindringen lassen. Doch als sie sich schon aus der Gefah-renzone wähnt, flackern vertraute Wünsche wieder auf und sorgen für neue Ängste und Gefühle.
Effi Briest ist eine der bekanntesten Ehebrecherinnen der Literaturgeschichte. Doch ihr Ende ist nicht von einem festgelegten Schicksal bestimmt. Es sind vielmehr bewusste, menschliche Entscheidungen, die ihren Lauf besiegeln, doch diese hätten nicht unaus-weichlich getroffen werden müssen. Die Heldin wächst in einer Gesellschaft auf, in der strenge Regeln selbst das häusliche Leben bestimmen. In der jugendlichen Vorstellung Effis, in deren Welt diese ganz selbstverständlich gelten, ist eine Ehe mit dem so gegen-sätzlichen Innstetten eine natürliche Sache. Die Heldin glaubt ein ehrgeiziges Mitglied der Gesellschaft zu sein, die den beruflichen Fortschritt ihres Mannes als oberstes Gebot sieht. Um das Ziel zu erreichen, versucht sie opferbereit zu sein, doch bald bemerkt sie, dass das starre Lebensmuster nicht ihrer persönlichen Natur entspricht. Effi sehnt sich nach Geborgenheit, die sie mit Wärme und Zärtlichkeit verbindet. Doch der zurückhaltende Innstetten, dem es zur zweiten Natur geworden ist, stets vernunftbetont zu handeln und Zärtlichkeit oder gar Leidenschaft schon fast fürchtet, kann seiner Ehefrau nicht das ge-ben, was sie sich so sehnlich wünscht. Sehr oft wird beschrieben, wie Effi sich an ihren Mann schmiegt, sich an ihn klammert und dabei zeigt, wie sehr sie sich nach Berührung sehnt. Dann lesen wir bei Crampas, der von Anfang an sehr körperlich auf die junge Frau eingeht, sie flüchtig berührt und schließlich sogar ihre Hände mit heftigen Küssen benetzt. Die eigentlich so natürlichen Wünsche der Heldin nach Intimität werden so unwillkürlich auf ein gefährliches Gleis gelenkt. Von daher kann man wohl sagen, dass Effis Scheitern gesellschaftlich bedingt ist. Oft wird in Kommentaren über das leidvolle Ende von Effi berichtet, aber im Roman wird auch betont, dass Innstetten leidvoll erkennen muss, wohin ihn gesellschaftliche Konventi-onen gebracht haben. Schließlich bekommt er nämlich den begehrten Aufstiegsposten, doch hat er das Gefühl sich von Herzen zu freuen bereits unwiderruflich verloren. Mit Bit-terkeit betrachtet er sein Leben, welches hätte unter Umständen so ganz anders sein kön-nen. Auch die Eltern Effis halten Rückschau und die Mutter fragt sich, ob sie nicht all das Leid hätte verhindern können, wenn sie ihre blutjunge Tochter nicht mit einem 20 Jahre älteren Mann verheiratet hätte. Und wie so oft in diesem Roman endet das Gespräch der Eheleute mit Briest mit den Worten des Ehemannes: "Ach, Luise, lass... das ist ein zu weites Feld."
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 11. März 2010 |